Sonnige Gegend, finstere Gestalten, © In Pictures Ltd./​Corbis/​Getty Images
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Sonnige Gegend, finstere Gestalten

Die Cȏte d’Azur hat nicht nur das Filmfestival von Cannes. Durch Cocktail-Kolonisierung wurde das einstige Freiluftkrankenhaus zu einem der spektakulärsten Orte der Welt.

01.06.2023

Ein südfranzösischer Küstenstreifen entwickelte sich zu einem Schauplatz kultureller Phänomene, die weit über seine geringe Größe hinausgingen. Die illustre Schar seiner Besucher traf auf eine Landschaft, in der sie ein modernes Paradies voller Verlockungen erschaffen konnte. Zwei Jahrhunderte der Ausschweifungen, Skandale, Kriege und Korruption lang erwies sich die Cȏte d’Azur, die französische Riviera, als eine einzige Versuchung. Im 19. Jahrhundert waren es die Tuberkulosekranken, die in den Süden fuhren, um am Leben zu bleiben oder doch wenigstens an einer Küste mit mildem Klima zu sterben, die ein Autor der Belle Époque als "Freiluftkrankenhaus" beschrieb. Es folgten Pariser und Amerikaner, die den Kampf um die Selbsterhaltung durch den Drang nach einem riskanten Lebensstil ersetzten, von dem die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts erfüllt waren. Mit zunehmender Dynamik beflügelten Hedonismus und kulturelle Spektakel die Riviera. Der englische und amerikanische Einfluss auf die Region schlug Wellen in der ganzen Welt. Im Zuge seiner Verwandlung in einen Vergnügungspark wurde das "Freiluftkrankenhaus" für seine Frivolität berühmt.

Ein Meilenstein war die Entscheidung des Fürsten von Monaco in den 1860er-Jahren, ein Casino zu errichten. Nachdem die Spielbank in Bad Homburg aufgrund einer Reihe von Selbstmorden ihre Türen hatte schließen müssen, suchte ihr Eigentümer, François Blanc, nach neuen Möglichkeiten. Im Vergleich mit dem mondänen deutschen Kurort erschien Monaco alles andere als attraktiv. Doch das Casino im späteren Monte-Carlo legte den Grundstein für ein Juwel der Belle Époque, das Aristokraten wie Plutokraten aus Europa und Amerika anlockte, die hierherkamen, um zu spielen und sich danebenzubenehmen. Nach den Briten, Russen und Deutschen begannen die Franzosen aus Paris, ihre Mode und ihren Lebensstil an der Cȏte d’Azur zur Geltung zu bringen.

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Alain Delon und Romy Schneider, Hauptdarsteller in Jacques Derays Film "Der Swimmingpool", 1968 in Saint-Tropez Reporters Associes/​Gamma-Rapho/​Getty Images

Siebenmal besuchte die britische Königin Victoria in den 1890er-Jahren die französische Riviera. Bei einer Gelegenheit bemerkte ein Kammermädchen, dass "sie alles genießt, als wäre sie 17 und nicht 72". Während Victoria in Nizza weilte, zog es ihren Sohn Edward, Prince of Wales, nach Cannes oder Monte-Carlo. Dem Autor Frank Harris zufolge hielt Victoria Edward für "liederlich, wenn nicht sittenlos". An ihrem Lebensabend war Victoria eine Bastion der herrschenden Ordnung und huldigte traditionellen Verhaltensregeln. Diesen Anstand teilte ihr "geliebter Enkel" Kaiser Wilhelm II.; für ihn war "Prinz Edward eine fette ältere Person, die die Würde und ernsten Vorsätze der Männlichkeit den Lastern und Vergnügungen der Jugend opferte". Entsprechend erfreut war Edward, als er herausfand, dass der Kaiser selbst einer kleinen Liebelei nicht abgeneigt war – und ebenso mit einer venezianischen Gräfin verkehrte wie mit der großen Kurtisane La Belle Otéro, zu deren Liebhabern der lüsterne italienische Dichter Gabriele D’Annunzio, der 2. Herzog von Westminster, König Alfons XIII. von Spanien und Zar Nikolaus II. aus Russland gehörten. Edwards Frau Alexandra machte sich keine Illusionen über ihren Mann – sie wusste, dass Frauen für den Fürsten eine Obsession waren, so wie Jagen, Rauchen und Speisen. Edward verschlang enorme Mengen an Essen und beendete den Tag oft mit einem Teller gegrillter Austern. Er wurde so dick, dass er sich 1890 einen siège d’amour oder "Liebesstuhl" bauen ließ, um die Prostituierten, deren er sich bediente, nicht zu erdrücken.